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R o b e r t o   d e   L u c a

A n t o n i o   S c a r p o n i

Hotello


Es erinnert an eine Umkleidekabine, ähnelt einem Rock, ist eine Behausung, besser gesagt ein Rückzugsort und funktioniert wie ein Zimmer, da es nur im Innenraum funktioniert. Es baut sich zügig auf wie ein Zelt, beinhaltet einen Tisch, eine Lampe und ein Bett. Geschaffen wurde das Hotello von einem Künstler und einem Architekten, Roberto de Luca und Antonio Scarponi, beide Italiener.

Die Nutzung leer stehender Gebäudehüllen, Werkhallen, Industrieanlagen, Kasernen u.a. verbunden mit der Absicht einer Regeneration und Transformation des urbanen Raumes stand als Frage und Absicht vor der Entwicklung eines Wohnmoduls, das sich dem Bedürfnis der Translokation, die als kulturimmanentes Phänomen heute weit verbreitet ist, als Hilfsmittel anbietet. Der portable Raum in einem Koffer ist ein magisches Kunststück selbst, ein Zaubertrick, der dem alten Wunsch von Mobilität und Unabhängigkeit entspringt, wie er vom Camper, Globetrotter und Wanderlehrling geträumt wird. Hotello ist die entsozialisierte Variante dieses Traumes, da der Reisende von Niemandem abhängig zu sein braucht. Er führt sein Zimmer mit sich und will sich an einem Ort niederlassen, der einigermassen geschützt ist, aber keine Rechenschaften nach sich zieht und möglichst keine Kosten verursacht. Das mobile Zimmer ist verkabelt, verfügt also über Licht und Computeranschluss, enthält ein Einzelbett, welches auch als Sofa funktioniert und beinhaltet einen Arbeitsplatz in Form des erwähnten Tisches. Die Vorhänge, die den Innenraum definieren und einfrieden, können rundum aufgezogen werden, so dass Aussen- und Innenraum zueinander übergehen, womit auch eine Art sozialer Öffnung vorgeführt wird, ähnlich dem sich öffnenden Bühnenvorhang.

Das Hotello ist ein Einzelzimmer, vorderhand geeignet für Kulturschaffende, die ohnehin ausgediente Fabrikhallen zu nutzen wissen. Der Gedanke des Kollektiven, der vom Begriff des Hotello historisch suggeriert wird und das berühmteste Beispiel, das Chelsea Hotel anklingen lässt, wird hier in sein Gegenteil gekehrt und sozusagen ironisiert. Der Hotello Benutzer ist nur auf der Durchreise, sucht kein langfristiges soziales Gefüge, zieht den Vorhang, arbeitet, denkt nach, will Diogenes sein. Er will in keiner Szene verweilen, sondern will sich vernetzen und dafür braucht es nicht unbedingt die Unmittelbarkeit der Anderen, sondern einen Netzanschluss. Das Internet ersetzt die Dislokation aber nicht, da vom Kulturschaffenden physisches Auftreten seitens Institutionen und Publikum verlangt wird.

Hotello ist folglich nicht nur ein Hilfsmittel, sondern auch ein Sinnbild für die Idee einer zeitgenössischen Freiheit, Ungebundenheit und Organisation eines einzelnen Menschen, der hofft, dass sein Erfolg aus einer künstlerischen Praxis resultiert, die kostengünstig, dynamisch und ungebunden ist. Die Zeiten der Quartierkneipen, wo Künstler beieinander sitzen und in Form angeregter Gespräche für die eigenen künstlerischen Positionen einstehen, die Zeiten, wo sich der Arzt, der Bäcker oder Friseur in der Strasse vom sympathischen Künstler von nebenan mit Zeichnungen die Rechnung begleichen lässt und die Zeiten, wo die Bürgerschaft einer Stadt einen Künstler zu internationalem Erfolg hinauftragen konnte, sind vorbei. Solche Formen der Abhängigkeiten, wie sie bis ans Ende des zwanzigsten Jahrhunderts praktiziert wurden, funktionieren heute nicht mehr. Die Kulturschaffenden sind selbstständiger geworden und dadurch freier. Die Kunst entzieht sich zunehmend den Systemen materieller Kausalität. Die sich aus ihrer Beschaffenheit und sozialem und räumlichen Bezug erklärenden Kunst des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts wird nun abgelöst von der Leichtigkeit einer mentalen Kunst, die sich nicht verorten und anbinden lässt.

Mit dem Vorschlag Hotello, selbst wenn es nie von jemanden gekauft und verwendet wird, findet die geistige Haltung der Leichtigkeit als kulturelles Verhalten eine Form.


Text: Michael Krethlow

Foto: Tabea Reusser

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Hotello: Roberto de Luca - Antonio Scarponi